tel
 

Ode an Luckenkien - AIV Schinkel Wettbewerb

Vision von 

Julia

Jahr

2026

Art

Konzept, Sparte Freie Kunst, 2 Sonderpreise

 


Luckenwalde ist ein Ort, der aus vielen Schichten besteht. Aus Arbeit und Abwesenheit, aus Fortschritt und Stillstand, aus Geschichten, die sich über Jahrzehnte im Boden und in den Körpern der Menschen abgelagert haben. Die tiefgreifenden Umbrüche nach 1989 haben die Stadt nachhaltig geprägt. Der wirtschaftliche Zusammenbruch, die Abwanderung vieler Bewohner*innen und der Verlust vertrauter Strukturen hinterließen Leerstellen, in den Straßen ebenso wie im kollektiven Gedächtnis. In den letzten Jahren setzt jedoch eine vorsichtige Gegenbewegung ein. Neue Industriezweige entstehen, kulturelle Initiativen bespielen leerstehende Räume, und die Nähe zu Berlin bei gleichzeitig bezahlbarem Wohnraum zieht neue Menschen an. Diese Dynamik bringt Energie, aber auch Reibung mit sich. Wenn sich ein Ort in kurzer Zeit stark verändert, entstehen Unsicherheit, Abwehr und das Bedürfnis nach Abgrenzung. Aber auch die Chance auf neue Perspektiven und gemeinsame Aushandlungsprozesse.


Das Projekt „Ode an Luckenwalde“ versteht sich als Einladung, diesen Wandel nicht nur zu beobachten, sondern ihn gemeinsam zu begehen. In einer kooperativen, spielerischen und poetischen Rauminstallation werden bestehende Qualitäten des Ortes erinnert und gleichzeitig neue Geschichten angestoßen. Der Prozess ist offen, performativ und partizipativ angelegt und richtet sich an die Bewohner*innen der Stadt, die eingeladen sind, ihre eigenen Erfahrungen, Wünsche und Fragen einzubringen und die Erzählung Luckenwaldes aktiv weiterzuschreiben.


Inspiriert ist das Projekt vom Prinzip der Wanderdüne, wie sie westlich von Luckenwalde zu finden ist. Eine Düne entsteht, indem der Wind Sand heranträgt, der sich an Hindernissen sammelt und über Zeit zu einer beachtlichen Masse anwächst. Dieser Prozess setzt sich fort, bis der Sand über den Dünenkamm hinwegkippt, sich der Schwerpunkt verschiebt und die Düne weiterwandert. Dieses Naturphänomen dient als Bild für die Entwicklungen der Stadt. Neue Impulse, Menschen und Ressourcen kommen nach Luckenwalde, stoßen auf Widerstände, erzeugen Reibung und Verdichtung. Hindernisse werden dabei nicht als Blockaden verstanden, sondern als Orte des Austauschs und der Aushandlung. Ab einem bestimmten Punkt löst sich die Spannung, Aufmerksamkeit verlagert sich, und Bewegung entsteht erneut.


Dieses Prinzip wird in der Rauminstallation körperlich erfahrbar. Die mächtige Düne übersetzt sich in mobile, robuste Sandsäcke, die in wetterfesten Folien gefasst sind und von den Teilnehmenden bewegt, gestapelt, verbunden und neu arrangiert werden können. Auf ihnen finden sich Verse des Luckenwalder Liedes aus den 1920er Jahren, das die naturräumlichen und städtebaulichen Qualitäten der Stadt besingt und von einer tiefen Verbundenheit der damaligen Bewohner*innen zeugt. Zugleich öffnet sich das Projekt bewusst in die Zukunft. Das historische Lied wird deshalb um neue Strophen ergänzt, die von heutigen Stimmen geschrieben werden und neue Orte, gesellschaftliche Fragen und Wünsche für die weitere Entwicklung Luckenwaldes formulieren.


Die lange Tradition der Textilindustrie findet ihre Entsprechung in Gurten und Verbindungselementen, die dazu dienen, einzelne Sandsäcke – und damit einzelne Individuen – zu einem temporären Ganzen zusammenzufügen. Die architektonische Geschichte Luckenwaldes, deren Mut und die Ausdruckskraft beispielhaft in der Hutfabrik von Erich Mendelsohn als einem der bedeutendsten expressionistischen Industriebauten der Moderne offenbar werden, bildet dabei eine weitere inhaltliche Referenz. Denn diese Haltung des Experimentierens und der formalen Kühnheit prägt auch die Installation selbst. Durch das gemeinsame Handeln der Bürger*innen entstehen wandelbare Skulpturen, die räumliche und gesellschaftliche Fragestellungen der Stadt sichtbar machen und sich, je nach Empfinden und Bedarf, durch den Stadtraum bewegen.


Dort, wo die Installation verweilt, entsteht Aufmerksamkeit. Räume, die zuvor wenig Beachtung erfahren haben, werden neu wahrgenommen und diskutiert. In manchen Fällen können aus dieser temporären Präsenz langfristige Nutzungen oder neue Formen von Nachbarschaft und Verantwortung hervorgehen, in anderen Fällen löst sich die Installation wieder auf und zieht weiter. Beides ist Teil des Prozesses. Vielleicht bleibt etwas zurück, vielleicht trägt der Wind die Elemente weiter und lässt sie an anderer Stelle in neuer Konstellation wieder auftauchen.


Über die Zeit entstehen so an verschiedenen Orten Luckenwaldes Fragmente der „Ode“, die sich verändern, neu zusammensetzen und unterschiedliche Lesarten zulassen. Menschen unterschiedlichen Alters und mit verschiedenen Hintergründen kommen miteinander in Kontakt, tauschen Erfahrungen aus und verhandeln Hindernisse gemeinsam, bevor diese zu isolierten und unüberwindbaren Problemen anwachsen. Auf diese Weise stärkt das Projekt nicht nur die Sichtbarkeit wenig beachteter Orte, sondern auch das soziale Gefüge der Stadt als fortlaufenden, offenen Prozess in Bewegung.